3 Warschau


Warschau

Hauptstadt von Polen

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Wạr|schau:
Hauptstadt von Polen.

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Wạrschau,
 
polnisch Warszawa [var'ʃava],
 
 1) Hauptstadt Polens und Verwaltungssitz der Woiwodschaft Masowien (bis 1998 der aufgelösten Woiwodschaft Warszawa [Warschau]), erstreckt sich über 495 km2 in 90-115 m über dem Meeresspiegel beiderseits der Weichsel, (1998) 1,62 Mio. Einwohner; gegliedert in sieben Stadtgebiete (Śródmieście, Mokotów, Ochota, Wola, Żoliborz westlich sowie Praga-Południe und Praga-Północ östlich der Weichsel). Das historische Stadtzentrum liegt auf dem westlichen Hochufer.
 
In der Stadt konzentrieren sich die höchsten Regierungs- und Verwaltungs-Instanzen des Landes: Sitz des Präsidenten, des Parlaments (Sejm) und der obersten Gerichtsinstitutionen. Warschau ist Sitz eines katholischen Erzbischofs, eines katholischen Bischofs und eines evangelischen Bischofs. Die Stadt beherbergt zahlreiche wissenschaftliche Institutionen (davon viele privat betrieben), besonders die Polnische Akademie der Wissenschaften, Universität (1816 gegründet), medizinische, Sport-, Musik-, Kunst-, Landwirtschafts-, wirtschaftswissenschaftliche Akademie sowie drei kirchliche und mehrere militärische Akademien, etwa 15 weitere Hochschulen (darunter TH, PH, Handels-, Sport- und Theaterhochschule) sowie viele Forschungsinstitute und wissenschaftliche Gesellschaften. In Warschau befinden sich etwa 30 größere Museen (besonders Nationalmuseum), die Nationalbibliothek, ein Goethe-Institut, viele Archive und Verlage, etwa 25 Theater, besonders die Oper (»Großes Theater«), eine Philharmonie und ein zoologischer und botanischer Garten sowie Denkmäler (darunter die auf dem Stadtwappen abgebildete »Warschauer Nike« als Wahrzeichen der Stadt) und Gedenkstätten. Internationalen Rang haben auch die Buchmessen (jährlich), der Internationale Chopinwettbewerb (alle fünf Jahre) und das Internationale Festival für zeitgenössische Musik »Warschauer Herbst«.
 
 
Warschau ist das wichtigste polnische Wirtschafts- und Industriezentrum. Die Industrie ist hauptsächlich in den Stadtteilen Praga-Południe, Praga-Północ, Wola, Żoliborz und Mokotów konzentriert. Zu den wichtigsten Industriezweigen gehören elektrotechnisch-elektronische, Maschinenbau-, pharmazeutische, feinwerktechnische, optische Industrie, Traktorenbau (im Stadtteil Ursus), Automobilbau, Nahrungsmittel-, Konfektions-, grafische, Kosmetikindustrie u. a. Gewerbe sowie eine Edelstahlhütte.
 
Verkehr:
 
Warschau ist wichtigster polnischer Verkehrsknotenpunkt (fünf Bahnhöfe, besonders der 1972-75 gebaute Zentralbahnhof); Häfen an der Weichsel und am 18 km langen Narewkanal (KanałŻerański); 1995 Eröffnung der ersten Linie der seit 1983 im Bau befindlichen U-Bahn; im Südwesten der Stadt liegt der internationale Flughafen Okęcie (1995: 2,7 Mio. Passagiere).
 
 
Die im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörte Stadt wurde nach 1945 wieder aufgebaut, die rekonstruierten historischen Bauten der Altstadt wurden von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
 
Das Königsschloss, ehemalige gotische Burg (13./14. Jahrhundert) der Fürsten von Masowien, wurde (als Residenz der polnischen Könige) mehrmals umgebaut (1569 durch F. Parr und Giovanni Battista Quadro [✝ 1590/91]; 1740-47 durch G. Chiaveri, J. C. Knöffel, zuletzt 1774-86 für Stanislaus II. August durch D. Merlini; 1819-21 klassizistisch restauriert). Nach Zerstörung 1939/44 wurde es ab 1971 wiederhergestellt. Auf dem Schlossplatz die 1643/44 errichtete Barocksäule Sigismunds III. Wasa (Sigismundsäule).
 
Die Altstadt ist mit Stadtmauern aus dem 14./15. Jahrhundert (Barbakane 16. Jahrhundert) umgeben. Am rechteckigen Marktplatz (Rynek Starego Miasta) Patrizierhäuser (15./16. Jahrhundert, später umgebaut und nach 1945 rekonstruiert) mit zum Teil erhaltenen gotischen und barocken Fragmenten. Eine Häuserreihe wurde bei der Rekonstruktion im Innern miteinander verbunden und birgt das Historische Museum der Stadt; gegenüber die St.-Johannes-Kirche (seit 1798 Dom), eine gotische Halle (14./15. Jahrhundert; 1836-40 neugotisch umgebaut; nach 1945 wieder aufgebaut), ferner die Jesuitenkirche (1609-26) und die barocke Sankt-Martins-Kirche (18. Jahrhundert), beide mit moderner Innenausstattung. - In der 1408 gegründeten Neustadt sind bemerkenswert die Barockkirche der Schwestern von der ewigen Anbetung (1688-92) und Klostergebäude (1683-88) am Marktplatz, ferner die spätgotische Marienkirche (15./16. Jahrhundert), Franziskanerkloster mit barocker Kirche (1680-96; Doppelturmfassade 1744), Dominikanerkloster (1639-50; Kirche 1614-38, mit Glockenturm von 1753), Paulinerkloster (1707-13) und Hl.-Geist-Kirche (1707-17).
 
Im heutigen Zentrum (»Mittelstadt«) liegen viele einst vor der Stadt gegründete Klöster und Adelspaläste, u. a. Barockkloster der Piaristen (1678-84) mit Kirche (Fassade 1. Hälfte 18. Jahrhundert), Kapuzinerkirche (1683-92), St.-Anna-Kirche (ursprünglich spätgotisch, 1518-33 und 1660-67 ausgebaut; Glockenturm 1575; 1821 klassizistisch umgebaut), Heilige-Kreuz-Kirche (1679-96; Doppelturmfassade 1725-37), klassizistische evangelisch-lutherische Kirche (1777-79). Zu den zahlreichen Palästen zählen u. a. das in einem großen Park gelegene Krasińskipalais (1677-82; heute Nationalbibliothek) mit Skulpturen am Außenbau von A. Schlüter und Innenausstattung (u. a. von D. Merlini), das Radziwiłłpalais (heute Sitz der Regierung; im 17. Jahrhundert gebaut, 1738-40 und 1818-19 umgebaut), das Pacpalais (ursprünglich barock, 1824-26 umgebaut), das Primaspalais (ursprünglich 1593, im 17. Jahrhundert umgebaut, heutiges klassizistisches Erscheinungsbild 18. Jahrhundert) und einige Bauten der heutigen Universität. Südlich der Mittelstadt liegen Schloss Łazienki (ursprünglich Badehaus), als königliche Sommerresidenz 1775-95 ausgebaut, mit Parkanlagen und Gebäuden (Theater auf der Insel 1790/91, Weißes Häuschen 1774-76, Theater in der Alten Orangerie 1784-88, Schloss Belvedere zwischen 1730 und 1750, 1818-22 umgebaut), und das Ujazdowskipalais, die zweite königliche Residenz (17. Jahrhundert, 1766-71 und 1784 erweitert). Am südlichen Stadtrand in Wilanów befindet sich die Sommerresidenz König Johanns III. Sobieski. Das Schloss (heute Abteilung des Nationalmuseums, u. a. mit Galerie polnischer Porträts des 16.-19. Jahrhunderts und dem in der ehemaligen Reitschule befindlichen Plakatmuseum), 1677-96 erbaut, 1701-1855 und später aus- und umgebaut, ist von einem großen Barockgarten umgeben; unweit die klassizistische Schlossanlage Natolin (1780-82; 1808 umgebaut) mit Landschaftspark.
 
Nach Zusammenschluss der verschiedenen Vorstadtsiedlungen im 18. Jahrhundert begann eine einheitliche Entwicklung der Stadt; neue Straßenzüge wurden angelegt (z. B. Ost-West-Achse), weitere bedeutende Bauten und Parkanlagen entstanden (klassizistische Häuser an der Straße Nowy Świat, »Großes Theater« u. a.). Nach einer Periode von historisierendem Eklektizismus folgten Bauten unter dem Einfluss des Jugendstils (Jakobskirche, 1909) oder mit neoklassizistischen Elementen (Genossenschaftsbank, 1917). Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand u. a. der monumentale Palast der Kultur und Wissenschaften (1952-55) im »Zuckerbäckerstil«. Städtebaulich beispielhaft die moderne Gestaltung des Defiladeplatzes (Plac Defilad, 1962-67) sowie die zahlreichen Wohnanlagen in der Stadtrandzone; bemerkenswert auch die Architektur des Zentralbahnhofs (1972-75). Die Diskussion um eine städtebauliche Neugestaltung der Innenstadt (Pläne v. a. von Czesław Bieliecki) wurde anlässlich der 400-Jahr-Feier Warschaus 1996 forciert. - In Warschau-Mokotów entstand 1960-73 das Sportzentrum, ein wichtiger Bau der polnischen Nachkriegsarchitektur.
 
 
Warschau, im 13. Jahrhundert neben einer herzoglich-masowischen Burg an der Stelle des Fischerdorfes Warszowa [var'ʃɔva] entstanden, erhielt um 1339 deutsches Stadtrecht. 1408 begann man mit dem Bau der Neustadt (Nowe Miasto). 1413-1526 Hauptstadt des Herzogtums Masowien, wurde Warschau 1526 polnischer Kronbesitz, war seit 1569 ständigerVersammlungsort des polnischen Reichstages (Sejm). Ab 1573 fanden hier die Königswahlen statt. 1596 verlegten die polnischen Könige ihre Residenz von Krakau nach Warschau. Nach einem Niedergang Ende des 17. Jahrhunderts (1655-57 schwedische Besetzungen und Belagerungen) erlebte die Stadt im 18. Jahrhundert unter den Wettinern August II. und August III. sowie unter Stanislaus II. August eine kulturelle Blüte. Durch die 3. Polnische Teilung (1795) fiel Warschau an Preußen und konnte, obwohl es zur Provinzstadt absank, seine kulturelle Bedeutung erhalten. 1807-15 war Warschau Hauptstadt des Herzogtums Warschau, danach des mit Russland in Personalunion verbundenen Kongresspolen. Im Novemberaufstand (1830/31) und erneut im Januaraufstand (1863/64) Zentrum der nationalen Bewegung, wuchs Warschau danach sehr schnell zur Großstadt (1897: 600 000 Einwohner). Seine kulturelle Bedeutung ging jedoch wegen der nach 1864 einsetzenden Russifizierung gegenüber Krakau und Lemberg zurück. Im August 1915 wurde Warschau von deutschen Truppen besetzt und war bis 1918 Sitz des Generalgouverneurs und des 1917 eingesetzten Regentschaftsrates. 1918 wurde Warschau die Hauptstadt des wieder errichteten polnischen Staates. Im Zweiten Weltkrieg kapitulierte es nach dreiwöchiger Belagerung am 28. 9. 1939 vor den deutschen Truppen und gehörte dann zum Generalgouvernement. Die deutsche Besatzungsmacht errichtete 1940 im nordwestlichen Zentrum der Stadt das jüdische Getto: Auf 4 km2, abgeriegelt durch eine Mauer, zwängte sie 500 000 Menschen ein, von denen in eineinhalb Jahren 100 000 starben. Gegen die Deportationen von Juden (seit 1942) richtete sich 1943 ein Aufstand (Warschauer Aufstand 1) im Getto (auf Befehl Hitlers vernichtet). Ein Aufstand der polnischen Untergrundarmee 1944 (Warschauer Aufstand 2) scheiterte, wobei der historische Stadtkern von deutschen Truppen gezielt zerstört wurde. Nach der Besetzung Warschaus durch polnische und sowjetische Truppen (17. 1. 1945 verlegte die provisorische polnische Regierung im Februar 1945 ihren Sitz nach Warschau.
 
 
F. M. Sobieszczański: Warszawa, 2 Bde. (Warschau 1967);
 
Architekturatlas von W., bearb. v. J. A. Chrościcki u. a. (a. d. Poln., Warschau 1978);
 M. M. Drozdowski u. A. Zahorski: Historia Warszawy (Warschau 31981);
 J. Dangschat: Soziale u. räuml. Ungleichheit in W. (1985);
 N. Gutschow u. B. Klain: Vernichtung u. Utopie. Stadtplanung W. 1939-1945 (1994).
 
 2) bis 1998 Woiwodschaft in Polen, danach Teil der neu geschaffenen Woiwodschaft Masowien.
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Polen: Nation ohne Staat
 
 3) im Frieden von Tilsit (1807) von Napoleon I. aus den durch die Polnischen Teilungen an Preußen gefallenen Gebieten (außer Westpreußen und dem an Russland gegebenen Białystok) gebildetes Herzogtum (102 700 km2 mit 2,6 Mio. Einwohnern) mit straffer zentralistischer Verwaltung und einer Verfassung nach französischem Vorbild; Herzog wurde Friedrich August I. von Sachsen. Im Krieg gegen Österreich (1809) konnte das Herzogtum Warschau als Verbündeter Napoleons den österreichischen Anteil aus der 3. Polnischen Teilung (»Westgalizien« mit den Städten Krakau, Sandomierz und Lublin, rd. 45 000 km2 mit rd. 1,7 Mio. Einwohnern) gewinnen. Für den Russischen Feldzug von 1812 war es Aufmarschgebiet und stellte eine verhältnismäßig große Armee unter J. Poniatowski. Mit dem Vormarsch russischer Truppen, die im Februar 1813 Warschau besetzten, verlor das Herzogtum seine Selbstständigkeit, blieb aber Verwaltungseinheit. Auf dem Wiener Kongress wurde 1815 der Großteil des Herzogtums Warschau Russland zugeschlagen und genoss als (am 20. 7. 1815 proklamiertes) Königreich Polen (»Kongresspolen« mit 127 000 km2 und 3,3 Mio. Einwohnern) eine weitgehende Eigenverwaltung, die nach dem Aufstand von 1830/31 aufgehoben wurde (1832 Erlass des »Organ. Statuts« durch Nikolaus I., 1833 Verhängung des bis 1856 dauernden Ausnahmezustands). Den Westen erhielt Preußen (Großherzogtum Posen); Krakau wurde Freie Stadt (neutraler Freistaat unter dem Protektorat von Österreich, Preußen und Russland, bis 1846).
 

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Wạr|schau: Hauptstadt von Polen.

Universal-Lexikon. 2012.

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